Inge Breidenbach

St. Clemens in Kalkar-Wissel

Rheinische Kunststätten - Heft 109, Ausg. 1992

Hinweis: Die Hefte der Reihe "Rheinische Kunststätten" kann man beim Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, www.rheinischer-verein.de, erwerben
Das Heft 109 "St. Clemens in Kalkar-Wissel" liegt zudem in der Kirche aus.

"Vorgeschichte und Gründung des Stiftes

Der Überlieferung zufolge steht am Beginn der Geschichte Wissels - noch vor der Gründung des Kanonikerstiftes im 9. Jh. - eine frühchristliche Kirchengründung. Diese erste Kirche soll im Jahr 860 durch ein Hochwasser des Rheins oder - 864 bzw. 880 von den Normannen zerstört worden sein. Wahrscheinlich ist, dass sie zur Zeit der Gründung des Kanonikerstiftes noch bestand, zunächst beibehalten wurde und später - durch den Vorgängerbau der heutigen Kirche, den zweiten Kirchbau, - ersetzt wurde. 

Die Entstehung der jetzigen - der dritten - Kirche, einer romantischen Basilika des 12. Jh., fällt entweder in die Zeit des Grafen Arnold I. und seiner Gemahlin Ida von Brabant (Herrschaft von 1120 -1147) oder des Grafen Dietrich IV. und Aleid, Adelheid von Sulzbach (Herrschaft von 1150 -1172). Die besonders enge Beziehung beider Grafen nach Utrecht erklärt die ... bauliche Verwandtschaft der Wisseler Kirche mit der dortigen Marienkirche. In Urkunden ist von Zuwendungen an das Stift die Rede, die wohl für den Kirchbau eingesetzt wurden. Seit jeher waren die Grafen von Kleve Schutzherren von Wissel. Sie besaßen das Recht der Besetzung der Propstei und der Kanonikate. Einige der Klever Grafen wählten die Wisseler Stiftskirche als Grablege, so Dietrich V. (1244) und Dietrich VII. (1275). Das Kapitel bestand aus dem Propst, dem Dechanten, dem Scholaster und elf, später zwölf Kanonikern. Die Kanoniker bewohnten eigene Häuser, die rings um den von Mauern umgebenen Kirchplatz angeordnet waren. ...

 

Einer ersten Chronik, die Gert van der Schüren in den Jahren 1471 bis 1478 schrieb und Herzog Johann I. von Kleve widmete, ist zu entnehmen, dass das Kanonikerstift um das Jahr 825 gegründet worden sein soll.

 

Die Gründungsinschrift in Stein, die sich im Chor der Neusser St.-Quirinus-Münsters befand und deren notariell beglaubigte Abschrift zur Zeit der Niederschrift der genannten Chronik in Wissel vorlag, lautet wie folgt: (Anmerkung: lat. Originaltext, hier nur die deutsche Übersetzung) "Im Jahre des Herrn, 825, gründeten Graf Eberhard von Kleve und seine Gemahlin Berta (1), die von vornehmer Herkunft war und aus der Familie Karls des Großen stammte, sowie ihre beiden Söhne Graf Luthard von Kleve und der Erzbischof von Toul Berengar zwei Stifte: nämlich das Kanonikerstift in Wissel und das Kanonikerstift in Neuss. Dies geschah, als Gunther Erzbischof von Köln und Ludwig (der Deutsche) König der Franken war. Dieser war der Sohn Ludwigs des Frommen und Engel Karls des Großen".

 

Graf Eberhard und Gräfin Berta wurden im Münster zu Neuss, der Kirche des dortigen Stiftes, bestattet, Graf Luthard (laut Überlieferung) in der Stiftskirche zu Wissel.

In der Aufschrift des Luthardschreines an der nördlichen Chorwand der Wisseler Kirche wird Graf Luthard als Gründer des Stiftes und der Kirche bezeichnet ....

 

Reliquienschrein des hl. Luthard an der nördlichen Chorwand

Zur Widersprüchlichkeit beider Aussagen kann eine Erklärung gefunden werden: Wahrscheinlich ist, dass Graf Eberhard und seine Gattin die Stiftung begründeten, aber erst ihr Sohn Luthard in seiner Regierungszeit (837-881) das gemeinsame Vorhaben ausführte.

Die beiden Memoriensteine und eine nach 1085 zu datierende Eintragung im Xantener Totenbuch sprechen für den kontinuierlichen Fortbestand des kirchlichen Bezirks während der 300 Jahre zwischen Gründung des Stiftes und dem Bau der jetzigen Kirche, die vor 1167 - ihrer ersten urkundlichen Erwähnung - entstanden ist. 

Im Jahr 1115 soll in Wissel eine Kirche bei kriegerischen Auseinandersetzungen zerstört worden sein, und zwar gleichzeitig mit einer Burg des Klever Grafen Dietrich III.. Mit den Steinen der Burg sei bald darauf das heute bestehende Kirchengebäude wiederaufgebaut worden.

 

Es ist noch ungeklärt, ob die im Wisseler See bei der Kiesbaggerei gefundenen Gegenstände ... aus der bestehenden Kirche oder aus deren Vorgängerbau stammen. Die bisherige Datierung der Fundstücke in den Beginn des 12. Jh. lässt die Zuordnung offen. Bedeutsam ist, dass das ... (Anm.: u.a. gefundene) Rauchgefäß neben den Namen zweier Stifter (?) die Namen "St. Clemens" und "St. Liuthardus" trägt. 

 

So wissen wir, dass Graf Luthard zumindest seit dem 12. Jh. als Heiliger verehrt wird. 1413 wird die Stiftung eines Altares "zu Ehren des hl. Luthardus, des Gründers der Wisseler Kirche" beurkundet. Das in gotischer Zeit "inmitten der Kirche" errichtete Hochgrab bestand bis zum Jahr 1765. An der Südwand des Chores, gegenüber dem erwähnten Schrein befindet sich eine Ädikula mit dem Haupt des hl. Luthard. Neben dem hl. Clemens erhielt St. Luthard den Rang des zweiten Kirchenpatrons; von den beiden Türmen der Kirche wird der südliche als Clemensturm, der nördliche als Luthardusturm bezeichnet. Als Patron der Kirche wird der hl. Clemens verehrt. Gemeint ist Papst Clemens I. Clemens Romanus (dritter Papst nach dem Apostel Petrus). Sein Attribut ist der Anker, das Sinnbild seines Martyriums. Ihm, dem Patron der Schiffer, wurden oft die in Wassernähe gelegenen Kirchen zum Schutz anempfohlen wie auch ursprünglich St. Kunibert in Köln.

 

Die dem Vorgängerbau der jetzigen Kirche vorausgegangene erste Kirche ist der Überlieferung gemäß dem hl. Willibrord zuzuschreiben. Dieser widmete demnach bereits seine Kirche dem hl. Clemens Romanus, seinem Namenspatron ...."

zu 1): "Die klevischen Geschichtsschreiber des 15. Jahrhunderts lassen die ununterbrochene Stammfolge der Grafen von Kleve mit dem Schwanenritter Helyas beginnen, der die Erbtochter eines uralten, hier regierenden Geschlechts geheiratet habe, welches wiederum einst aus Rom an den Rhein gekommen und ursprünglich gar trojanischen Ursprungs sein. Das ist Sage und bereits vom Klever Hofhistoriographen Gert van der Schuren (Schüren), der uns im 15. Jahrhundert davon erzählt, mit skeptischen Bemerkungen kommentiert worden. Ebenso gehören auch die klevischen Grafen Eberhard und Luthard, die angeblichen Gründer des Stiftes Wissel, der Sage an." (Anmerkung: Es bleibt bisher meines Wissens offen, ob es bereits im 9. Jh. ein Klever Grafengeschlecht gegeben hat.)

Zitat aus "Die Grafen von Kleve und die Entstehung ihres Territoriums vom 11. bis 14. Jahrhundert" - Dieter Kastner, "Land im Mittelpunkt der Mächte - Die Herzogtümer Jülich, Kleve, Berg", S. 53"